Heldin an der Fleischtheke

Ich will hier kurz schildern, was ich gestern beim Einkauf erlebt habe, um einerseits den damit verbundenen Schock besser zu verarbeiten, aber auch, um im Folgenden wiederholt Aufmerksamkeit für eine politische Forderung zu generieren, die mir nahe geht. Vorab will ich noch festhalten, dass die weiteren Beschreibungen in keinem Fall despektierlich gemeint sind, sondern ein möglichst realitätsgetreues Bild darstellen sollen.

Ich stand gestern an der Fleischtheke eines Supermarktes an, als der Verkäufer den Kunden vor mir fragte, ob es in Ordnung sei, wenn er die beiden Hähnchenhälften in eine Tüte legte. „Ja, klar“ antwortete der Kunde noch, um dann, ohne jede Vorwarnung, umzukippen und auf den Boden zu knallen. So schnell, dass keiner von uns anderen es noch geschafft hätte, ihn aufzufangen. Zwei umstehende Kundinnen beugten sich direkt zu ihm, versuchten, ihn anzusprechen, brachten ihn in die stabile Seitenlage. Ich rief den Rettungsdienst, andere konnten in diesen maximal zehn Sekunden überhaupt nicht reagieren, weil sie noch gar nicht realisiert hatten, dass dieser Mann gerade wirklich einfach so umgefallen ist und nicht mehr ansprechbar war. Verkrampft stöhnte er, stieß noch einige Atemzüge aus, auf dem Boden bildete sich ein Gemisch aus Blut und Urin, dann: nichts mehr. Direkt neben der prallen Auslage der Fleischtheke lag nun ein leblos scheinender Mann, der sich eben noch ein Grillhähnchen bestellt hatte. Während eine der Frauen, die bei ihm kniete, eine zögerliche Herzmassage begann und eine merklich geschockte Supermarktangestellte mit mir zusammen versuchte, den Bereich abzusperren, kam eine weitere Kundin, rief: „Ich bin Krankenschwester, kann ich helfen?“, schmiss ihre Jacke hin und sprang regelrecht auf den am Boden liegenden Mann zu, „das muss viel stärker gemacht werden“, und übernahm die Reanimation mit einem, man muss es so sagen, kraftvollen Engagement im Kampf um Leben und Tod.

So verstrichen die Minuten, während die zufällig anwesende Krankenschwester ohne Pause auf und ab, ab und auf das Herz bearbeitete, während einige Kunden fragten, ob wir schon einen Krankenwagen gerufen hätten, einige andere stehen blieben, um zuzuschauen, manche wenige sogar keinen Hehl aus einer Art skurril-vergnügter Unterhaltungsempfindung machten, eine weitere Kundin zum Besten gab, dass sie nicht glaube, dass er überleben wird und das alles doch nichts brächte, bestellte ein anderer Kunde quasi über Bande, weil ja der direkte Zugang zur Theke verbarrikadiert war, noch ein Grillhähnchen. Ich habe keine Ahnung, wie lange es gedauert hat, bis die Rettungskräfte eintrafen, in einem solchen Moment kann es gut sein, dass das Zeitempfinden deutlich verzerrt ist und alles unglaublich lange erscheint, aber nach gefühlt über 15 Minuten, in denen ich zwei weitere Kunden hinsetzte, weil sie völlig aufgelöst waren und ein Mensch, der umfällt, mehr als ausreichend war, trafen ein Notarzt und eine Rettungswagenbesatzung ein. Kurz übernahmen sie die Herzdruckmassage, die Krankenschwester pausierte, zitterte aufgrund der Anstrengung am ganzen Körper, und machte nach nicht einmal einer Minute weiter, damit die Rettungskräfte mehr Luft für andere Maßnahmen hatten. Nachdem der Einsatz schon viele Minuten lief und der Mann immer noch auf dem Supermarktboden behandelt wurde, schauten die Supermarktangestellte, die zu Beginn den Bereich mit mir abgesperrt hatte, und ich uns in die Augen und vergewisserten uns so gegenseitig ohne ein einziges Wort Dankbarkeit dafür, nicht alleine gewesen zu sein. Auf dem Weg nach Hause fuhren die Rettungswagen mit Blaulicht an mir vorbei.

Wir leben in einer Zeit, in der das, was diese Krankenschwester – ohne auch nur eine Sekunde zu zögern – in einem Supermarkt während ihres Einkaufs geleistet hat, normalerweise hinter verschlossenen Türen passiert und mehr oder weniger ihr beruflicher Alltag, der berufliche Alltag tausender Pflegekräfte in unseren Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen ist. „Das könnte ich nicht“ ist ein Satz, den diese Menschen wohl häufig hören. Ist der Mensch, der da auf dem Supermarktboden in einer Lache aus Blut und Urin liegt, möglicherweise Covid-19-infiziert? Es ist eine Zeit, in der manche für diese Menschen auf ihren Balkonen applaudiert haben, in der manche andere nicht nur jede Schutzmaßnahme ignorieren, sondern aktiv für eine Verschwörung halten und auf die Straße gehen, ihr Recht auf freie Meinungsäußerung für sich in Anspruch nehmen, ohne dabei Rücksicht auf irgendjemand anderen zu nehmen. Eine gute Freundin, Pflegerin, hat mir schon oft erzählt, wie sie die ständige Unterbesetzung, die vielen Überstunden, die hohe und höchste Verantwortung ohne die erforderlichen Mittel und Ressourcen, an den Rand ihrer Kräfte bringt und gelegentlich auch darüber hinaus. Das Bundesverdienstkreuz für die beiden Biontech-Gründer, Özlem Türeci und Uğur Şahin, haben sie sich verdient. Die Supermarktangestellte, die Krankenschwester in dem Supermarkt gestern, die geholfen haben, als Hilfe nötig war, hätten es auch verdient. Genauso die Pflegekräfte, die jeden Tag alles und manchmal sogar mehr geben. Stattdessen leben wir aber leider auch in einer Zeit, in der ein Bundesarbeitsminister einen Vorstoß unternimmt, um viele Millionen Pflegekräfte besser zu entlohnen und in der nach langen Verhandlungen in einem arbeitsrechtlich sehr komplexen Sektor das „Nein“ des katholischen Wohlfahrtsverbandes Caritas (Motto: „Not sehen und handeln“) dafür sorgt, dass diese Menschen zwar als „Heldinnen und Helden des Alltags“ tituliert werden, aber dann doch keine Lohnerhöhung bekommen. „Das kann doch nicht wahr sein!“ – Ist es aber.

Selber habe ich das, was gestern passiert ist, zum ersten Mal erleben müssen und mich ehrlich gesagt gefragt, ob ich nicht mehr hätte tun können. So eine Erfahrung beschäftigt einen. Hoffentlich konnte der Mann am Ende gerettet werden. Später habe ich mir auch gedacht, man kann es sich zwar nicht so wirklich aussuchen, aber wenn es irgendwie geht, würde ich gerne nicht an der Fleischtheke eines Supermarktes zusammenbrechen. Und wenn doch, dann wünsche ich mir, dass ich auch das Glück hätte, so hilfsbereite, zupackende, selbstlose Menschen wie die Supermarktangestellte und die Krankenpflegerin um mich zu haben. Menschen, die dann endlich etwas mehr Geld verdienen, um nicht jeden Euro mehrfach umdrehen zu müssen, während sie einen Job erledigen, bei dem sie Leben retten, für andere Menschen aufopferungsvoll da sind.

Wir dürfen nicht weiter hinnehmen, was jeden Tag in den verschiedensten Einrichtungen überall im Land passiert. Lasst uns zusammen hinschauen und gemeinsam für etwas eintreten, das selbstverständlich sein müsste: für gute und faire Arbeitsbedingungen – auch und gerade in der Pflege von Menschen, die nicht nach dem Prinzip von Gewinnmaximierung ausgerichtet werden darf.